Das erwachende Leben der Gelongma Palmo

Ihre Lebensgeschichte
Vor 1000 Jahren wurde im heiligen Land Oddiyana ein wunderschönes Mädchen in eine königliche Familie hineingeboren. Sie erhielt den Namen Prinzessin Lakshmi und war ein anmutiges und fröhliches Kind mit den liebenswertesten Manieren.
Prinzessin Lakshmi wuchs in einem wunderschönen Palast auf, umgeben von allem, was man sich nur wünschen konnte, denn es war ein Leben voller Leichtigkeit und Komfort, abgeschirmt von den harten Realitäten der Welt.
Sie hatte ein weit offenes Herz und einen neugierigen Geist. Jedes Mal, wenn sie die Mauern des Palastes verließ, spürte sie das Leid anderer so tief, dass sie sich dazu berufen fühlte, einen Weg zu finden, ihren Schmerz zu lindern. Sie träumte davon, ihr verwöhntes Leben hinter sich zu zulassen, um buddhistische Nonne zu werden und die Lehre zu studieren; sie machte sich auf die Suche nach antworten auf all ihre Fragen und nach einem Weg, den Menschen zu helfen, sich von ihrem Leid zu befreien.
Als sie zur jungen Frau heranwuchs, wurde Prinzessin Lakshmi in den benachbarten Königreichen für ihre Güte, Schönheit und Intelligenz, Berühmt. Freier kamen von nah und fern, um um ihre Hand anzuhalten; sie brachten ihr kostbare Geschenke dar und versuchten, sie mit ihren sportlichen Fähigkeiten für sich zu gewinnen.
Trotz all ihrer Bemühungen blieb Prinzessin Lakshmi unbeeindruckt und sehnte sich nur danach, das Wesen der Wirklichkeit zu verstehen und die tiefsten Fragen ihres Herzens zu beantworten. Sie wusste, dass sie diese Antworten niemals finden würde, wenn sie eine königliche Ehe einginge und die Verantwortung für die Führung eines Königreiches übernähme;
Entschlossen, die Wahrheit zu suchen, beschloss sie, dem Palastleben zu entsagen und sich als Nonne weihen zu lassen, um ihr Leben dem Studium der Weisheit Buddhas zu widmen.
Um die Erlaubnis ihrer Eltern zu erbitten, erzählte sie ihnen von ihren Plänen, doch sie gaben ihr nicht ihren Segen und bestanden darauf, dass sie im Palast bleiben müsse, um ihre königlichen Pflichten zu erfüllen. Schweren Herzens verließ Lakshmi den Palast, die einzige Welt, die sie je gekannt hatte. Während alle schliefen, machte sie sich auf den Weg, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
Nach mehreren beschwerlichen Tagen des Wanderns erblickte Prinzessin Lakshmi endlich in der ferne ein Kloster. Sie eilte auf das Nonnenkloster zu und drückte zögernd die schweren, reich verzierten Türen auf…die Türen zu ihrer unbekannten Zukunft.
Sie wurde von der Äbtissin sofort herzlich aufgenommen, die ihr die Haare schnitt, ihr Ordensgewänder gab und ihr Zuflucht gewährte sowie ihren neuen Dharma-Namen „Palmo“ verlieh.
Durch die sanfte Art der Nonnen und die friedliche Atmosphäre des Klosters getröstet, hatte Palmo sofort das Gefühl, in ihrem wahren Zuhause angekommen zu sein. Sie war zuversichtlich, dass sich die Antworten, nach denen sie suchte, bald von selbst ergeben würden und sie der Welt eine Hilfe sein könnte.
Palmo fand sich schnell im Klosterleben zurecht und erwies sich als eifrige und fleißige Schülerin. Sie blühte in ihren Dharma-Studien auf und erlangte große Fertigkeiten in Debatten und Philosophie, im Auswendiglernen und in der Meditation. Auch in allen Aspekten der Rituale – Gesang, Instrumentalspiel und so weiter – zeichnete sie sich durch herausragende Leistungen aus.
Sie war freundlich und hilfsbereit und bot stets ihre Unterstützung an, wo immer sie gebraucht wurde. Die anderen Nonnen ließen sich von ihrer fröhlichen Art und ihrem Engagement inspirieren.
Palmos’ Tugenden der Weisheit und des Mitgefühls wuchsen weiter, und sie teilte großzügig ihren Trost und ihren Rat mit allen, die ihn vielleicht brauchten.
Nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte, legte sie die vollständigen Ordensgelübde ab und begann, die anderen Nonnen zu unterrichten. Es bereitete ihr große Freude, ihnen dabei zu helfen, ihre wahre Natur der Weisheit und des Mitgefühls zu entdecken und diese in ihre Herzen zu tragen.
Die Äbtissin war von ihren Eigenschaften so beeindruckt, dass sie Gelongma Palmo bat, die Leitung des Nonnenklosters zu übernehmen, wenn die Zeit gekommen sei.
Gelongma Palmo hatte wirklich das Gefühl, dass sie allmählich ein Stück weit zur Verbesserung der Welt beitragen konnte. Sie freute sich über ihre Entscheidung, das weltliche Leben hinter sich zu lassen und Nonne zu werden. Sie hatte wirklich das Gefühl, dass ihr Leben nicht besser sein könnte.
Doch eines Tages entdeckte sie eine seltsame Blase an ihrem Fuß, die nicht heilen wollte. Es wurde immer schlimmer, bis schließlich die Äbtissin darauf aufmerksam wurde und einen Arzt rief, damit er sie untersuchte. Der Arzt warf einen Blick auf ihren mit Blasen übersäten Fuß und rannte entsetzt davon, wobei er schrie, sie habe die gefürchtete Lepra.
Damals gab es noch keine Behandlungsmöglichkeiten für Lepra. Es handelte sich um eine so hochansteckende und gefährliche Krankheit, dass die Äbtissin keine andere Wahl hatte, als ihre arme Gelongma Palmo zu bitten, das Nonnenkloster zu verlassen – zum Schutz und Wohlergehen aller anderen Nonnen. Die Nonnen flehten sie an, zu bleiben, doch Palmo wollte sie auf keinen Fall einer Gefahr aussetzen. Also versicherte sie ihnen, dass es ihr gut gehen würde, und ließ erneut ihr bisheriges Leben hinter sich, um sich mutig in eine unbekannte Zukunft zu wagen.
Die arme Gelongma, die aus ihrem Nonnenkloster verbannt worden war und über keinerlei eigene Mittel verfügte, hatte keine andere Wahl, als auf der Straße zu leben und um Essen zu betteln. Aufgrund ihres gütigen Herzens entschied sie sich stets dafür, das, was sie erhielt, mit den Tieren zu teilen, die ein ähnlich elendes Leben führten.
Ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Sie verlor alle Finger ihrer rechten Hand und auch ihre Zehen. In ihrer Verzweiflung träumte sie von ihrem früheren, behaglichen Leben im Palast und fragte sich, ob sie ihn jemals hätte verlassen sollen. Bald verfiel sie in tiefe Verzweiflung und fühlte sich wahrhaftig unfähig, auch nur einen weiteren Tag dieses Leidens zu ertragen. Ohne Hoffnung im Herzen fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Während ihres Schlummers erschien ihr eine erhabene Gestalt, die majestätische Seidengewänder trug und Wärme und Mitgefühl ausstrahlte. Er stellte sich als König Indrabhuti vor und ermutigte sie, ihre Suche nach der Wahrheit fortzusetzen. Er gab ihr Ratschläge, wie sie vorgehen solle:
„Hab keine Angst, Gelongma Palmo“, sagte er sanft, „du musst unablässig zu dem großen Barmherzigen, Chenrezig (Avalokiteshvara), beten, dann wird dein Körper genesen und du wirst noch in diesem Leben das vollständige Erwachen erlangen.“
Gelongma Palmo betete von ganzem Herzen zu Chenrezig … und betete und betete und betete weiter. Doch nichts geschah. Ihr Zustand verschlechterte sich weiter, bis sie, geschwächt von der Krankheit, auf der Straße zusammenbrach und sich nicht mehr bewegen konnte.
Als sie dort lag, erschöpft und leidend, erschien ein faszinierendes blaues Licht. Es schien ihren Geist zu erobern. Aus dem blauen Licht heraus nahm eine Vision Gestalt an: Das Licht verwandelte sich in einen wunderschönen See, und aus ihm erschien ein kleiner Junge, der auf einem Schneelöwen ritt. Er stellte sich als Manjushri vor, den Bodhisattva der Weisheit, und wies sie an, eine Pilgerreise zum Adinath-Tempel in Chobhar zu unternehmen. Dort, so versicherte er ihr, würde sie Befreiung von allem Leiden erlangen und den Wesen wahrhaft nützen können.
Mit neuer Hoffnung machte sich Gelongma Palmo auf den langen, beschwerlichen Weg zum Adinath-Tempel. Sie wanderte durch Dschungel und trockene Wüsten. Sie wanderte und wanderte, und als sie nicht mehr weitergehen konnte, kroch sie weiter, entschlossen, ihr Ziel zu erreichen. Doch die Ausläufer des mächtigen Himalaya in der Ferne schienen nie näher zu rücken und blieben hartnäckig unerreichbar. Schließlich, frustriert über die Sinnlosigkeit ihres Vorhabens und unfähig, auch nur einen Zentimeter weiterzukommen, sank sie auf die Knie und betete verzweifelt um Hilfe.
Als Antwort auf ihre Gebete erschienen sieben Dakinis aus der Lotus-Familie, mit Blumen im Haar, singend und auf ihren Trommeln spielend. „Mach dir keine Sorgen, Gelongma Palmo. Wir werden dir helfen, wenn du versprichst, uns zu unterweisen, sobald du die volle Erleuchtung erlangt hast“. Die Dakinis rollten einen wunderschönen Seidenteppich aus und baten Palmo, sich darauf zu legen und zu schlafen. Wenn sie wieder erwache, sagten sie ihr, würde sie sich am Eingang des Adinath-Tempels in Chobhar befinden. Und so kam es, dass Gelongma auf den Seidentüchern der Dakinis durch die Luft flog. Als sie erwachte, befand sie sich tatsächlich am Fuße des Chobhar-Hügels. Steile Stufen, die zum Tempel führten, ragten über ihr empor.
Voller Freude darüber, ihrem Ziel so nahe zu sein, begann sie langsam ihren langen Aufstieg. Sie machte einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen und hielt unterwegs oft an, um sich auszuruhen. Mit jedem Tag wurde sie kränker und erschöpfter, doch sie kämpfte sich weiter voran, Schritt für schmerzhaften Schritt, in der Gewissheit, dass ihr Schicksal auf dem Gipfel des Hügels lag.
Schließlich, nach einem ganzen Monat, erreichte Gelongma Palmo, völlig erschöpft, aber überglücklich, die Tore des Adinath-Tempels. Ihre Freude währte jedoch nur kurz. Als sie das Tempelgelände betrat, wurde sie sofort von den Aufsehern aufgehalten, die ihr den Zutritt verwehrten. Sie waren angewidert von ihrem zerlumpten Aussehen und fürchteten sich vor ihrer Krankheit.
Gelongma Palmo war nun schon zu weit gekommen, um einfach aufzugeben, und so schlich sie sich, als diese gerade nicht hinschauten, in den hinteren Teil des Tempels und fiel vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen begaben sich die Dorfbewohner wie üblich zum Tempel, um der Statue des roten Chenrezig Opfergaben darzubringen. Als sie dort ankamen, stellten sie zu ihrem Entsetzen fest, dass die Statue verschwunden war. Sie fragten sich, was geschehen sein könnte und ob die Leprakranke Frau vom Vorabend dafür verantwortlich war. „Vielleicht hat sie sie gestohlen“, murmelten sie vor sich hin.
Ihre Beschwerden wurden bald durch einen erschrockenen Schrei eines kleinen Kindes unterbrochen, das das Tempelgelände erkundete. Seinen Rufen folgend fanden die Dorfbewohner Gelongma Palmo im hinteren Innenhof friedlich schlafend vor. Die Statue des roten Chenrezig hatte sich nach draußen begeben, um über sie zu wachen und sie zu beschützen.
Den Dorfbewohnern wurde sofort klar, dass diese zerlumpte Frau tatsächlich eine ganz besondere Person sein musste. Sie wurden von Glauben und Hingabe überwältigt, aber auch von Reue darüber, dass sie sie zuvor so grausam verurteilt hatten. Sie luden Gelongma Palmo ein, so lange im Tempel zu bleiben und zu praktizieren, wie sie wollte, und versprachen, ihr alles zur Verfügung zu stellen, was sie brauchte.
Und so blieb Gelongma Palm im Tempel und betete zu Chenrezig mit so großer Hingabe und einem so starken Wunsch, anderen zu helfen, dass er ihr in einer Vision erschien. Er gab ihr Anweisungen zur Praxis, und sie gelobte ihm, dass sie in eben diesem Tempel meditieren würde, bis sie die vollständige Erleuchtung erlangt hätte.
Und so blieb sie dort, sprach mit niemandem und nahm weder Essen noch Trinken zu sich. Sie begegnete ihren inneren Dämonen mit Mitgefühl, und so wurden sie bezwungen. Gelongma Palmo´s Körper begann zu heilen, und ihr Geist wurde immer klarer.
Nach einiger Zeit war ihre Lepra vollständig geheilt, und sie wurde noch schöner als zuvor. Sie hatte die wahre Quelle der Schönheit entdeckt: ein mitfühlendes, gütiges Herz mit dem Wunsch, anderen zu helfen.
Sie übte weiter und schritt zügig durch die Stufen des Pfades voran. Visionen von Tara erschienen ihr, und schließlich stand sie Chenrezig selbst von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Gelongma Palmo erlangte die vollständige Erleuchtung sowie die vollständige Heilung ihres physischen Körpers.
Ihre Erleuchtung loderte in ihrem Inneren, und sie schien in goldenem Licht zu erstrahlen. Ihr Herz war vollkommen frei und offen geworden und drückte grenzenlose Liebe für alle Lebewesen aus. Die Dorfbewohner waren von Staunen überwältigt und baten sie, sie zu unterweisen – einer Bitte, der sie bereitwillig nachkam. Doch schon bald hörte Gelongma Palmo Gerüchte. Einige wenige Menschen in der Gemeinde zweifelten an ihrer Erleuchtung und fragten sich, ob sie eine Scharlatanin sei.
Um ihr Vertrauen zu stärken, flog sie auf magische Weise in den Himmel, schnitt sich den Kopf ab und setzte ihn, als sie wieder landete, wieder auf ihren Hals. Als die Menge dieses Wunder sah, war sie schockiert, und die Zweifler waren sofort davon überzeugt, dass sie tatsächlich eine erleuchtete Meisterin war. Sie fielen voller Ehrfurcht auf die Knie.
Gelongma Palmo lehrte weiterhin die Praxis des tausendarmigen Chenrezig, auf Tibetisch als „nyung nye“ bekannt, und viele ihrer Schüler erlangten selbst große Verwirklichung. Ihre Praxis wird bis heute in allen verschiedenen Schulen des tibetischen Buddhismus gepflegt.
Möge ihre Geschichte auch heute und für viele kommende Generationen spirituell Suchende weiterhin inspirieren. Möge sie uns motivieren, Widrigkeiten mutig zu begegnen und uns mit unserer wahren Natur der Weisheit und des Mitgefühls zu verbinden, damit auch wir der Welt wahrhaft nützen können.